Quelle: Elwert, Georg: Mythos, in: Schäfers, Bernhard (Herausgeber): Grundbegriffe der Soziologie, 2., verb. Auflage, Opladen Leske + Budrich, 1986 (Uni-Taschenbücher, 1416) (UTB für Wissenschaft), Seite 211-212

"Mythos

überliefertes Wissen in narrativer Form mit Wahrheitsanspruch, das natürliche oder gesellschaftliche Phänomene - auch die Welt als Ganzes - erklären soll. Der Mythos als offenbartes Wissen ist vom Logos, dem nach bekannten Regeln erzeugten und daher korrigierbaren und erweiterbaren Wissen, zu scheiden. Das offenbarte Wissen[, das im Mythos bewahrt wird,] ist nicht von jedermann frei zu schöpfen. Wenn die Quellen nicht durch das Dunkel der Tradierung verhüllt sind, so ist zumindest im prophetisch offenbarten M[ythos] der Wahrheitsanspruch transzendental festgemacht. Gleich dem Logos ist auch der M[ythos] eine sinnschaffende Form der Äußerung. In der europäischen Kultur wird M[ythos] mit Religion identifiziert. Der Glaube an bestimmte Mythen wird mit Religiosität gleichgesetzt." (Seite 211)

Weiter nachgedacht:

Beide Wörter, "Mythos" und "Logos", entstammen der griechischen Sprache. 

Unter Logos wird heute die sachliche Rede, welche den Regeln der Wissenschaft folgt, verstanden. Wir finden etwas "logisch". Wir sagen salopp "logo" und drücken damit Bestätigung aus, bekräftigen, dass etwas richtig, stimmig, klar ist. Etliche Wissenschaftsbezeichnungen enthalten den Wortbestandteil "-logie", den man mit "wissenschaftliche Lehre" übersetzen kann. Beispiele sind: Biologie (die wissenschaftliche Lehre von den Lebensformen bzw. dem Leben), Geologie (die wissenschaftliche Lehre von der Erde), Soziologie (die wissenschaftliche Lehre vom gesellschaftlichen Miteinander, von den Gefährten also). Weitere Wörter sind Neurologie, Psychologie, Histologie, Zoologie, Virologie.

Im Fremdwort "Logopädie" kommt ebenso das Wort "Logos" vor. Der erste Bestandteil "Logo..." verweist auf "Wort", "Sprache", "sprechen"; der zweite Bestandteil "...pädie" verweist auf "erziehen". Logopädie ist jenes Fachgebiet, welches sich insbesondere mit der Sprecherziehung und Sprechheilerziehung beschäftigt.

Unter Mythos wird hingegen die ganzheitliche Rede, insbesondere die Weisheitsrede, verstanden. Sprecherinnen und Sprecher, die im Mythos reden, verwenden in der Regel kunstliterarische Mittel, beispielsweise Tautologie, Metapher, Symbol, Allegorie, "pars pro toto" etc. Die literarischen Mittel können bewusst oder unbewusst eingesetzt werden. Die Sprache wird bildreich und emotional genutzt. Wer im Mythos spricht, will wahr und total über das Ganze sprechen.

Im Logos folgt man diesem ganzheitlichen Anspruch nicht. Es wird nur ein Ausschnitt der Welt fokussiert und über den will man den Regeln der Wissenschaft folgend, also begründet, sachlich, logisch, nachvollziehbar, überprüfbar, weitgehend irrtumsfrei, sprechen.

Wissenschaftliche Texte sind im Logos verfasste Texte.

Geistliche Texte, Offenbarungstexte, Liebesbekundungen sind im Mythos verfasste Texte. Die Bibel gehört dem Mythos, der ganzheitlichen Weisheitsrede, an.