Quelle: Scherer, Georg: Wissen/Wissenschaft, in: Schütz, Christian (Herausgeber): Praktisches Lexikon der Spiritualität, Sonderausgabe, Freiburg, Herder, [1992], Spalte 1437-1439

"Wissen wird durch Wissenschaft gewonnen. Nicht jede Art von Erkenntnis kann mit solchem Wissen gleichgesetzt werden. Erkenntnis ist der weitere, Wissen der engere Begriff. So verwenden wir im alltäglichen Leben vielfältige Erkenntnisse, ohne sie wissenschaftlich abzusichern, weil das für die Lebenspraxis überflüssig ist. Ähnlich gilt: Die Kunst ist keine Wissenschaft, birgt aber oft tiefe Einsichten in sich. Die Überzeugung von der Existenz Gottes, die Glaubenserkenntnis Gottes in Jesus Christus, plötzliche intuitive Einsichten, die Erkenntnis der Glaubwürdigkeit eines Menschen stellen ebenfalls Erkenntnisvollzüge dar, die nicht mit wissenschaftlichem Wissen verwechselt werden dürfen. Das gilt, obwohl wir umgangssprachlich nicht genau zwischen Erkenntnis und Wissen unterscheiden. Auch die philosophische Erkenntnis ist, wenn auch die meisten Wissenschaften aus der Philosophie hervorgegangen sind, nicht mit wissenschaftlichem Wissen im modernen Sinn zu identifizieren. Allerdings entfaltet die Philosophie begrifflich gefaßte Theorien und stellt sich unter den Anspruch, sich selbst reflektierende Erkenntnis zu sein, die über ihre Quellen und ihren Vollzug Rechenschaft abzulegen vermag. Dabei stößt sie aber auch auf die Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Neben der Wissenschaft berücksichtigt sie auch andere Erkenntnisquellen. Vor allem: Sie erforscht nicht wie die Einzel- oder Fachwissenschaften bestimmte, abgrenzbare Gegenstände mit ihnen entsprechenden Methoden, sondern bezieht sich auf das Ganze der Wirklichkeit.

Wissenschaftliches Wissen folgt bestimmten Regeln der Hypothesenbildung, der Beobachtung, des Experimentes, des Ableitens neuer wahrer Sätze aus bereits bekannten. Dabei zielt sie auf Allgemeingültigkeit und somit auf Objektivität. In ihrer Logik gründet sie sich auf Vorentscheidungen und Voraussetzungen, die sie zumeist selbst nicht reflektiert. Da sie die Perspektive einer Wissenschaft festlegen, wird verständlich, daß Wissenschaft nur Teilaspekte der Wirklichkeit zu erschließen vermag, die durch andere ergänzt werden müssen. Wo Wissenschaft meint, das Ganze erfaßt zu haben, gleitet sie zur naiven und einseitigen Weltanschauung ab." (Spalte 1437-1438)

"Indem [...] [die Geisteswissenschaften] auf die verschiedenen Sphären der Geschichte zurückgreifen, stellen sie die Verbindung zur Tradition her, durch die wir auf vergessene Möglichkeiten zurückgeführt werden. Auch die Naturwissenschaften vermögen an dieser Kultur teilzuhaben, wenn sie sich nicht als Herrschaftswissen verstehen, sondern die Natur um ihrer selbst willen erforschen." (Spalte 1439)